Im Jahr 2007 hat Nassim Taleb mit dem Buch „Der Schwarze Schwan“ ein Buch herausgebracht, das einem neuen Blick auf das Planungsverhalten der Menschheit und hier besonders der Unternehmen geworfen hat. Die Grundaussage war vereinfacht, dass wir so viel planen können, wie wir wollen: Am Ende des Tages sind es doch die nicht zu antizipierenden Ereignisse, die alles über den Haufen werfen und jede langfristige Planung am Ende mehr oder weniger obsolet machen. Und tatsächlich tun wir immer irgendwie extrem überrascht, wenn es weltweit zu bestimmten Ereignissen kommt und schieben es dann gern darauf, dass das ja nicht erwarten war und man ganz offensichtlich auf einen solchen schwarzen Schwan gestoßen ist.

Wer das Buch „The Big Short“ über die Finanzkrise 2007/8 gelesen hat, wird zumindest ernste Zweifel an der Theorie haben, dass die Subprime Krise nicht irgendwie voraussehbar gewesen wäre, hätte man sich auf Seiten der globalen Banken und Investmenthäuser mit den Risikoprofil der Finanzinstrumente sorgfältig auseinandergesetzt. Natürlich kann man sagen „hinterher weiß man immer mehr“ aber das kann und darf keine Entschuldigung sein.

Als im Sommer 2018 der Wasserstand deutscher Flüsse bedingt durch die lange Trockenheit den Schiffsverkehr stark einschränkte kam es in der Industrie zu finanziellen Schäden teilweise in hoher dreistelliger Millionenhöhe. Natürlich kann man ein solches Ereignis mangels vollwertiger alternativer Transportrouten nicht immer vollständig kompensieren. Allerdings hatte man schon so ein wenig den Eindruck, als seien alle ganz furchtbar überrascht, obwohl Klimaexperten schon lange auf anhaltende Dürreperioden und entsprechende Behinderungen des Schiffsverkehrs hingewiesen hatten. Nicht ohne Grund fordert die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) daher die Offenlegung von Klimarisiken und damit ergibt sich ein direkter Auftrag für das Risikomanagement: Wie kann eine vollstände Identifizierung, Bewertung und Steuerung klimabedingter Risiken sichergestellt werden? Eine lückenlose Analyse der Bedrohungen für Unternehmen kann dazu beitragen, dass die Auswirkungen beherrschbar bleiben.

Es ist schon viel über das Thema Compliance geschrieben worden, das nach meiner Einschätzung erst mit dem KonTraG und der Häufung von Korruptions- und Kartellverstößen seit etwa 2007 Aufmerksamkeit bekommen hat. Im Zuge dessen haben viele Unternehmen große Anstrengungen unternommen, mit Compliance Management Systemen gegen Rechtsverstöße vorzugehen. Aufgrund dessen darf es die Vorstände und Aufsichtsräte nicht überraschen, wenn es beim Fehlen solcher präventiven Strukturen und insb. beim Fehlen von Compliance Risikoanalysen dann zu kriminellen Handlungen und teilweise bestandsgefährdender Ahndung durch Bußgelder und Abschöpfung kommt!

Und nun also das Koronavirus. Schon im Jahr 2002 hatte der Ausbruch von SARS die Risiken globaler Lieferketten brutal offengelegt und allen Experten war klar, dass entsprechende virale Mutationen immer wieder vorkommen werden. Der Ursprung dieser Art von Viruserkrankung ist nun mal häufig in dicht besiedelten Gebieten und damit in den Regionen, die einen wesentlichen Beitrag zur Wertschöpfung globaler Unternehmen leisten. Darüber hinaus hatte eine künstliche Intelligenz des kanadischen Warndienstes „Bluedot“ schon vor der Kommunikation der chinesischen Regierung auf einen potentiellen Seuchenausbruch hingewiesen. Dennoch findet sich in nur wenigen mir bekannten Risikomanagementsystemen der Unternehmen eine konsequente Berücksichtigung von Pandemien und deren Auswirkung.

Was ich damit sagen möchte? Manche eingetretene Risikoszenarien sind gar keine schwarzen Schwäne, sondern sie sind in Wirklichkeit schneeweiß und man hätte sie beobachten können. Selbstverständlich kann auch ein starkes Risikomanagement, das sich mit diesen Szenarien konsequent beschäftigt, nicht jeden finanziellen Schaden verhindern, aber es kann ihn durch Alternativplanungen und Steuerung kontrollieren. Es ist Zeit, dass sich Unternehmen abseits der vielleicht tradierten Risiken nunmehr übergreifend und lückenlos mit diesen potentiellen Schäden beschäftigen.

Ich wünsche eine tolle Woche, bleiben Sie gesund!
Ihr Jens C. Laue