Es ist ganz interessant: Noch vor drei Wochen waren die Zeitungen, die Vorträge, Firmenkommunikationen und Interviews nahezu vollständig von einem Thema dominiert: Nachhaltigkeit, und hier insbesondere das Thema „Klimaveränderung“. Natürlich sorgt ein Jahrhundertereignis wie COVID-19 mit all seinen Folgen für Mensch und Wirtschaft dafür, dass sich das radikal und unmittelbar verschiebt. Öffnen Sie heute mal eine Zeitung und das Thema Klima taucht bestenfalls im hinteren Drittel auf. Die gesamte Aufmerksamkeit liegt momentan woanders. Es ist aber nicht so, dass sich die Notwendigkeit einer neuen Industriepolitik zur stärkeren Berücksichtigung von nachhaltigen Aspekten deswegen erledigt hat. Mit dem Abklingen von Corona (und das hoffen wir alle von ganzem Herzen) wird dann wie Phoenix aus der Asche der Druck auf die Unternehmen, trotz der zu erwartender Rezession, wieder steigen. Ich glaube nicht, dass in der Öffentlichkeit und bei betroffenen sonstigen Stakeholdern oder Aktivisten eine Nachsicht mit den Unternehmen eintritt, in Ruhe erst einmal die Folgen der Pandemie zu überwinden.

 

Aber wie kann man das schon jetzt so in den Unternehmen etablieren, damit die Unternehmensleitung auch wirklich sein Tun und Lassen darauf ausrichtet? Ich denke nicht, dass rein verbale Zugeständnisse und Werbebotschaften dort ansetzten, wo es benötigt wird, nämlich in der Incentivierung der Entscheider. In Teilen sorgt nun die Gesetzgebung dafür, dass die Berücksichtigung der Nachhaltigkeit in Zukunft eine tragende Rolle bei der Ausrichtung der Unternehmen und Ihrer Organe spielen wird. Ist Ihnen das hier schon aufgefallen: Das jüngst in Kraft getretene ARUG II hat hier mit der Einführung einer verpflichtenden Berücksichtigung von sozialen und ökologischen Aspekten in der Vorstandsvergütung einen mutigen Schritt gemacht. Das ist ganz interessant, denn die bisherige Formulierung in § 87 Abs. 1 AktG sprach von der Ausrichtung der Vergütungsstruktur an einer „nachhaltigen“ Unternehmensentwicklung.  Aufgrund des Folgesatzes „Variable Vergütungsbestandteile sollen daher eine mehrjährige Bemessungsgrundlage haben“ wurde der Terminus „nachhaltig“ daher konsequent mit einem Zeitbezug interpretiert und die Forderung nach einer weiteren Auslegung von „nachhaltig“ über einen reinen Zeithorizont hinweg wurde nur von einer Mindermeinung vertreten, bzw. in einigen Unternehmen freiwillig so verstanden. Der neue § 87 Abs. 1 AktG spricht nun davon, dass die Vergütungsstruktur „auf eine nachhaltige und langfristige Entwicklung der Gesellschaft auszurichten ist. Aha! Durch das Ergänzen von „langfristig“ bekommt das Wort „nachhaltig“ hiermit endgültig die Bedeutung, die es im Sprachgebrauch aktuell längst schon hat. Es ist damit also klar, und im Rechtsausschuss auch so niedergelegt, dass die im Rahmen des nunmehr nach ARUG II zu entwerfenden Vergütungssystems auch soziale und ökologische Aspekte in die Verzielung mit aufgenommen werden müssen. Zwar ist nicht definiert, welchen Einfluss bzw. welchen Anteil diese am Ende an der Bemessung der Vergütung haben soll. Kein Aufsichtsrat und kein Vorstand wird sich aber in Zukunft einer entsprechenden Ausrichtung der Vergütung entziehen können. Es liegt auch an den Hauptversammlungen, im Rahmen der Billigung der Vergütungssysteme (und -berichte) Ihre Stimme zu erheben, wenn diesen Anforderungen nicht ausreichend Rechnung getragen wurde. Ich bin sehr gespannt, in welcher Form und in welchem Umfang die neuen Anforderungen nun umgesetzt werden!

Es ist leider immer noch so, dass adäquates Verhalten am besten erreicht wird, wenn es sich am Ende des Tages in der Incentivierung findet. Wir Menschen sind so.