In diesen Tagen wird man mit Videos zur Coronakrise nur so zugeschmissen. Unter all diesen Filmchen gibt es ein absolut herausragendes, welches Sie sich unbedingt einmal anschauen sollten. Nach den knapp 9 Minuten werden Sie für die Menschen, die immer noch behaupten, eine solche Pandemie sei nicht vorhersehbar, nur ein müdes Lächeln übrig haben: Der Beitrag steht seit 5 Jahren bei TED zum Anschauen im Internet. Bill Gates hat also schon 2015 in erstaunlicher Konkretisierung das vorhergesagt, was wir heute leider in voller Breite erleben: https://www.ted.com/talks/bill_gates_the_next_outbreak_we_re_not_ready?utm_campaign=tedspread&utm_medium=referral&utm_source=tedcomshare.

Das ist insofern beunruhigend, als das diese Pandemie anders als eine Reihe von externen Schocks in der Wirtschaftsgeschichte der letzten 100 Jahre so umfassende Konsequenzen hat und daher die Unternehmen quasi von allen Seiten angreift. Die Weltwirtschaftskrise 1929 war dem Grunde nach eigentlich eine Folge von aufgeblasenen industriellen Kapazitäten, denen bei steigenden Diskontzinsen keine ausreichende Nachfrage gegenüberstand mit der Folge, dass es am Ende zu einer schmerzhaften volkswirtschaftlichen Korrektur durch Unternehmenszusammenbrüche kam.  Die Ölkrisen in den 1970er Jahren verteuerten durch bewusste Förderverknappung den Preis eines wesentlichen Rohstoffes in der Produktion und führten am Ende dazu, dass weltweit neue Ölvorkommen als Risikoausgleich erschlossen wurden. Und die Finanzkrise 2008 war im Wesentlichen eine Bankenkrise und strahlte dann auch durch eine krisenbedingt restriktivere Vergabe von Krediten auf die Realwirtschaft aus. Was alle drei Krisen gemein hatten: Die Unternehmen als solche blieben grundsätzlich uneingeschränkt handlungsfähig und der Treiber der Krise konnte gezielt adressiert werden.

Was ist bei Corona anders? Ganz einfach: Alles. Wenn man Unternehmen in seine Wertschöpfungsbereiche und sein Umfeld aufteilt so fällt auf, das nahezu alle Bestandteile durch die Folgen der Viruskrise betroffen sind. Hier ein paar Beispiele:

Markt? Wesentliche Absatzmärkte wie z.B. China verzeichnen einen massiven Nachfragerückgang

Personal? Mitarbeiter fallen durch Krankheit oder Quarantäne aus

Produktion? Lieferketten brechen durch fehlende Importe aus schwer betroffenen Ländern zusammen

Kapital? Forderungsausfälle durch Kunden in krisenbedingten Schwierigkeiten oder Insolvenzen

Und das alles passiert Hand in Hand mit den Corporate Governance Elementen, die sie normalerweise steuern. Man das kann sehr einfach entlang der vier traditionellen Governance Bereiche aufzeigen – und das ist nur ein Bruchteil und soll lediglich exemplarisch dienen:

Im Zentrum der Auswirkungen steht ganz sicher das Risikomanagement der Unternehmen. Wenn die Lieferkette aufgrund des quarantänebedingten Ausfalls von Zulieferern oder Grenzschließungen zusammenbricht, ist das ganz sicher ein operatives Risiko, das in jedes Managementsystem gehört und für das es schon vor Eintritt der Krise einer Bewältigungsstrategie bedarf. Darüber hinaus fallen Kundenzahlungen aus und der Geschäftsbetrieb ist durch krankheitsbedingte Ausfälle ggf. nicht mehr sichergestellt.

Aber auch das Compliance Management ist erstaunlicherweise betroffen:  Leider nehmen kriminelle Organisationen eine solche Krise zum Anlass, ihre Angriffe auf Unternehmen und deren Daten zu verstärken, was zu Datenschutzverstößen führen kann. Zudem steigt in der Krise leider die Bereitschaft zu kriminellen Handlungen auch innerhalb des Unternehmens sowohl in der eigenen Bereicherung als auch in der vermeintlichen Vorteilsnahme im Geschäft mit Dritten im Bereich der Korruption und der Kartellverstöße.

Das interne Kontrollsystem leidet in dieser Krise unter  der Tatsache, dass Mitarbeiter in Quarantäne bzw. Homeoffice geschickt werden und so die Belegschaft teilweise nur ausgedünnt zur Verfügung steht. Bei aller Automatisierung werden in den Unternehmen aber Prozesse und Kontrollen häufig noch von Menschen durchgeführt und die Dezentralisierung der Aktivitäten birgt vielfältige Risiken für Abläufe und damit die Zielerreichung, wenn die Prozesstreue und -stabilität nicht gewährleistet ist.

Auch die Arbeit der internen Revision ist erschwert durch krankheits- und quarantänebedingte Ausfälle,  Reisebeschränkungen und die Tatsache, dass die neue Risiken aus der Coronakrise zumeist nicht Bestandteil der Prüfungspläne waren. Ein Verschieben bestehender Ressourcen auf nun neue risikobehaftete  Prüfungsfelder führt konsequenterweise zu einer Vernachlässigung in anderen Bereichen.

Hätten wir nur alle auf Bill gehört. Das ist aber auch ein Arbeitsauftrag: Wenn wir es jetzt nicht verstanden haben und Pandemie-Risiken endlich mit ausreichender Tiefe in unsere Managementsysteme implementieren, damit die Krise aktiv gesteuert und bewältigt werden kann, wann dann?