In der Stadt, in der ich lebe, sind in der letzten Woche vermehrt Senioren angerufen worden mit der Aufforderung, Ihr Bargeld bitte in Tüten oder Taschen verpackt vor die Haustür zu stellen, wo es dann von einem Zivilpolizisten abgeholt würde.  Das Geld sei durch den Corona Virus möglicherweise infiziert und müsste nun professionell desinfiziert werden. Der Virusbefall sei ja gerade für diese Zielgruppe eine große Gefahr und das Geld würde dann von der Stadt gereinigt wieder zurück gebracht. Da bekommt das Wort „Geldwäsche“ im Übrigen eine ganz neue Bedeutung. Aber hier zeigt sich ganz deutlich: Sogar eine Pandemie wird von krimineller Energie ausgenutzt.

Und das gilt nicht nur für Senioren sondern im gleichen Maße auch für Unternehmen in diesen Zeiten. Und nicht nur das: Nach meiner Einschätzung ergeben sich vier zentrale Herausforderungen für die Unternehmensüberwachung, die im Moment einem echten Stresstest unterzogen wird und ich fordere daher ein Business Continuity Management gerade auch für die Corporate Governance:

(1) Steigende Kriminalität: Auf der einen Seite nutzen bestimmte Gruppen die aktuelle Situation der Unternehmen aus und versuchen mit der Not und der Gefahr neue Sicherheitslücken zu reißen. Im Moment ist eine Vielzahl von Angriffen zu verzeichnen von gefälschten Schreiben zum Thema COVID-19  z.B. der WHO, der Banken oder der Behörden, bei denen der Empfänger durch ein falschen Vertrauen und Öffnen von Anlagen Schadsoftware in das Unternehmen bringen kann (nennen wir es mal erhöhte aktive Risikosituation). Darüber hinaus öffnen jedoch auch krisenbedingte neue Arbeitsbedingungen zusätzliche Gefährdungspotentiale, beispielsweise  im Blick auf den Datenschutz oder den Einsatz von privatem Equipment im Homeoffice (nennen wir es erhöhte passive Risikosituation). Mit diesem Thema müssen sich Unternehmen unbedingt beschäftigen!

(2) Steigende operative Risiken: Bestehende operative Risikomanagement-Systeme bzw. deren Prozesskontrollen geraten unter Druck, weil in der momentanen Situation z.B. Zahlungsausfälle von Kunden insb. in von der Krise besonders betroffenen Branchen drohen oder Lieferanten durch Beschränkungen im In- oder Ausland nicht liefern können, was die Produktion und damit Geschäftsfortführung gefährden kann. In dieser Krisensituation zeigt sich, wie wirksam die implementierten Maßnahmen wirklich sind, um solche Konsequenzen zu erkennen und letztlich zu verhindern. Ich habe an dieser Stelle schon oft geschrieben, dass es mehr als erstaunlich ist, dass das Wort Pandemie vor Februar 2020 in kaum einem Risikomanagement-System auftauchte bzw. ernst genommen wurde.

(3) Steigende personelle Engpässe: Durch Krankheiten, Quarantäne oder Verlagerung ins Homeoffice werden die Governance-Systeme parallel zu einem inhaltlichen auch einem personellen Stresstest unterzogen. Längst nicht alle Unternehmen unterhalten Steuerungs- und Überwachungssysteme, die voll oder umfangreich automatisiert und daher im Wesentlichen unabhängig von der Personalverfügbarkeit sind. Mitarbeiter, die nicht reisen oder manuelle Tätigkeiten ausführen können, werden unmögliche eine Fortführung der Governance sicherstellen. Dies gilt für alle drei „Lines of Defense“ und resultiert häufig darin, dass in dieser Krisenzeit eine wirksame Corporate Governance nicht mehr gewährleistet werden kann.

(4) Steigende Anforderungen: Darüber hinaus werden im Moment viele notwendige  Projekte zur Weiterentwicklung der Governance bzw. zur Umsetzung neuer regulatorischer Anforderungen oder auch zur Automatisierung auf Eis gelegt, bis die Coronakrise bewältigt bzw. insbesondere auch ihre finanziellen Folgen bewältigt sind. Auch wenn diese Haltung verständlich ist, darf nicht vergessen werden, warum diese Projekte einmal gestartet wurden. Leider ist häufig zu beobachten, dass die Corporate Governance am stärksten unter entsprechender Ressourcenverknappung leidet.

Es bedarf also einer klaren Idee zur BUSINESS GOVERNANCE CONTINUITY und nicht nur für den operativen  Geschäftsbetrieb. Das eine geht ohne das andere nicht. Der Stresstest wird leider zeigen, das in vielen Fällen Unternehmen in den kommenden Wochen Schaden nehmen werden, wenn nicht sofort entsprechende Maßnahmen ergriffen werden.